KOW Art Cologne 2012_1s (AK).jpg
1 / 3
Art Cologne 2012
Alice Creischer, Barbara Hammer, Santiago Sierra, Franz Erhard Walther
Apr 18–22, 2012
KOW wins Maurice Lacroix Art Award for best booth at New Contemporaries
 
KOW AUF DER ART COLOGNE 2012

Wir zeigen neueste und historische Arbeiten von Alice Creischer, Barbara Hammer, Santiago Sierra und Franz Erhard Walther. Alle Werke befassen sich kritisch mit Fetischismen: mit symbolisch überhöhten Ämtern, Institutionen oder Statusobjekten, die Menschen anbeten, denen sie sich freiwillig oder unter Zwang unterwerfen oder gegen die sie auf die Barrikaden gehen.

SANTIAGO SIERRA AND FRANZ ERHARD WALTHER: DEMONSTRATING NO. 46 FROM WALTHERS FIRST WORKSET („SEHKANAL“, 1968)

Im Dezember 2011 führten Santiago Sierra und Franz Erhard Walther eine historische Arbeit aus Walthers 1. Werksatz von 1968 neu auf. Schauplatz war die Röhn-Hochebene, wo Walther seinerzeit die Dokumentation seiner „Werkhandlungen“ inszeniert hatte, die ihrerseits wichtige Impulse für Sierras Werk gaben. Sierra war 1989 bis 1991 Walthers Schüler an der Hamburger Kunsthochschule. Walthers „Sehkanal“ von `68 ist eine acht Meter lange Stofftasche, deren Enden sich zwei Akteure über den Kopf stülpen können. Je weiter sie sich voneinander entfernen, um so straffer spannt sich der Stoff und erlaubt es den beiden Probanden, sich über die Distanz hinweg in die Augen zu sehen - in diesem Fall der „Schüler“ Sierra und der „Meister“ Walther.        

SANTIAGO SIERRA, JULIUS VON BISMARCK: NO POPE

Während der Papstmesse zum Weltjugendtag in Madrid 2011 projizierte Santiago Sierra mit einer von Julius von Bismarck zu diesem Zweck entwickelten Fotokamera ein NO auf die laufende Zeremonie sowie auf Pilger und auf Polizisten, welche die Veranstaltung gegen Proteste absicherten. Das als Blitzlich projizierte NO war nur beim Auslösen der Kamera sichtbar, auch für andere, in der Menschenmasse gleichzeitig ausgelöste Kameras, nicht jedoch dauerhaft für das menschliche Auge, vor allem das der Sicherheitsteams.

BARBARA HAMMER: ÜBER ALLES / PROTEGÉE

1971, als Barbara Hammer als Englischlehrerin an der Stuttgart American High School arbeitete und auf der amerikanischen Militärbasis Ludwigsburg wohnte, entstanden diese Fotos. Hammer, die später als erste  Filmemacherin bekannt wurde, die lesbische Liebe und Sexualität in bis heute über 90 Filmen auf die Leinwand brachte, arbeitete damals wie heute mit künstlerischen Mitteln als feministische Aktivistin. Für die Fotoaufnahmen posierte sie spontan und ohne Genehmigung neben Plastiken Auguste Rodins der Galerie der Stadt Stuttgart und im feudalen Interieur des Neuen Schloss Stuttgart. Als eine Vorreiterin lesbischer (Selbst-)Repräsentation okkupierte sie Symbole männlicher Macht und Libido.    

ALICE CREISCHER

Zwei kreisrunde Fotografien Rücken an Rücken als Bodenskulptur. Im Hintergrund des einen Bildes die Statistik der Ausfuhr von Quecksilber von Almadén nach Potosí im 16. Jahrhundert, auf dem anderen Foto Füsse in einem blurot kolorierten Wasserbad. Ein Textband entrollt sich, darauf ein handgeschriebener Limerick über das Osterritual der Fusswaschung von Sklaven, durchgeführt von einem Plantagen-besitzer, der später von den selben Sklaven erhängt wurde. Die enge Verquickung von Kirche und Kolonialismus im frühen Kapitalismus hat Creischer wiederholt recherchiert und bearbeitet, nicht zuletzt als Ko-Kuratorin der Ausstellung „Das Potosí Prinzip“ (2010/2011). Als Theoretikerin und Kunstkritikerin gilt Alice Creischer seit den Neunzigerjahren als eine einflussreiche Position für den linken politischen Diskurs in der deutschen Kunstszene. Lange zählte sie zum festen Autorinnenstamm von „Texte zur Kunst“ und „springerin“. Als Kuratorin wirkte sie an bedeutenden Ausstellungen zur Kritik von Neoliberalismus und Kolonialismus mit. Institutionelle Einzelausstellungen zeigten Creischer als Konzeptkünstlerin, Malerin und Bildhauerin. 2007 war sie auf der documenta 12.

FRANZ ERHARD WALTHER: WORTBILDER

Franz Erhard Walthers Wortbilder von 1957/58 übertragen den mentalen Klang von Begriffen in eine chromatische und typographische Asthetik. „Auf dem Vulkan“ versinnbildlicht eine dramatisch prekäre Lage. Die Entwurfszeichnung für „Rollce Royce“ begegnet dem Stolz der elitären Luxusmarke mit einem grobschlächtigen Wild-West-Schriftbild. „Ku Klux Klan“ ist eines der frühesten Beispiele für Walthers immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit regiden sozialen Normen.

FRANZ ERHARD WALTHER: DREI KAPPEN MIT PFLÖCKEN

„Drei Kappen an Pflöcken“ ist eine der wenigen und seltenen Arbeiten Walthers aus der unmittelbaren Zeit nach Abschluss des ersten Werksatzes. Ehe um 1972 stärker an architektonischen Raumhüllen orientierte Projekten zentralen Platz in Walthers Werk einnehmen, entstehen 1970/71 einzelne Stücke mit unmittelbarem Körperbezug, in denen sich der Werkcharakter von Handlungen fortsetzt, den der Werksatz formulierte. „Drei Kappen an Pflöcken“ besteht aus drei in festem Leinenstoff genähten „Mützen“, die jede über einen 10 Meter langen Strick mit einem Stahlstift verbunden sind. Diese Stifte werden im Abstand von mindestens 20 Metern im Boden fixiert, drei Personen können sich sodann die Kappen über den Kopf ziehen und sich - blind, weitgehend taub und angekettet - in einer Kreisbahn um die Mitte bewegen, ohne dass sich ihr Handlungsradius überschneidet. Walther zwingt hier die Akteure in eine für sein Werk ungewöhnliche, klaustrophobische Isolation - zugleich lenkt er die Wahrnehmung auf das physische, nicht visuelle Erleben der Umwelt. Die Arbeit ist zur Ausführung in der Landschaft konzipiert.

SANTIAGO SIERRA: WAR VETERANS FACING THE CORNER

Im Mai 2011 fand bei KOW die erste in einer Reihe von neuen Performances Santiago Sierras statt, bei denen der Künstler Kriegsveteranen in die Ecke eines Raumes stellt und so dokumentiert: still, in Büßerpose und vom Publikum abgewandt. Seither fanden mehrere dieser Performances in Deutschland, England, der Ukraine, Kolumbien und den USA statt. Weitere werden in verschiedenen Ländern der Welt folgen. Junge und ältere Veteranen aus den Kriegen von Afghanistan I bis Afghanistan II, von Vietnam bis Kosovo, von Irak I und II bis Lybien stellt Sierra in eben die Position, in welche die Gesellschaften sie in der Regel stellen, deren Kampfauftrag sie zuvor folgten: ins Abseits.

SANTIAGO SIERRA: THE ANARCHISTS

Santiago Sierra überzeugte eine Gruppe von acht militanten römischen Anarchisten, sich am 25. Dezember 2006 um 0:00 Uhr die Weihnachtsmesse des Papstes im Radio anzuhören. Jeder von ihnen trug eine schwarze Leinenmütze und erhielt für die Aktion 100 Euro.